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Ab auf die Insel. Ein Rückblick auf den Digital Humanities Congress 2026 in Sheffield

Am 2. und 3. September 2026 fand an der University of Sheffield der Digital Humanities Congress (DHC) statt. Bereits seit 2012 lädt das Digital Humanities Institute der University of Sheffield alle zwei Jahre zu dieser Konferenz ein, die sich mittlerweile als feste Größe im internationalen DH-Kalender etabliert hat. Wer schon einmal dort war, weiß, warum man gerne wiederkommt: Die Atmosphäre ist ausgesprochen nett, offen und konstruktiv (und auch die Verpflegung lässt keine Wünsche offen!). Alles in allem ideale Bedingungen, um die Text+ Registry einem internationalen Fachpublikum vorzustellen und wertvolles Feedback mitzunehmen.

Collage bestehend aus Fotos der Veranstaltungsstätte "The Edge" mit visuellen Eindrücken von Sheffield; generiert mit der Hilfe von ChatGPT

Ein Wiedersehen

Tatsächlich war es für uns kein erstes Mal. Bereits 2024 war Text+ mit einem Beitrag zur Registry beim DHC vertreten – damals unter dem Titel „Cataloguing Editions and Other Resources in One Unified System: The Case of the Text+ Registry“, aus dem im Anschluss auch ein Beitrag in den Conference Proceedings hervorging. Im Mittelpunkt stand damals die Datenmodellierung: Wie lassen sich heterogene Ressourcen – von Editionen bis zu lexikalischen Ressourcen – in einem gemeinsamen System zusammenführen, ohne die jeweiligen fachlichen Eigenheiten zu verlieren? Der Vortrag legte gewissermaßen den Bauplan und die zugrundeliegenden Konzepte der Registry dar.

In diesem Jahr ging es mit dem Vortrag „Distributed cataloguing, interoperability and reuse within and beyond the infrastructural setting of the Text+ Registry“ einen Schritt weiter: Statt der grundlegenden Architektur stand nun im Fokus, was sich in den vergangenen zwei Jahren im praktischen Betrieb gezeigt hat. Aus dem einstigen Entwurf einer vereinheitlichten Katalogisierung ist eine Infrastruktur für verteilte Katalogisierung geworden – mit allen Fragen, die das nach sich zieht: Wie lässt sich die Nachhaltigkeit einzelner Infrastrukturkomponenten sichern? Wie ermöglicht man breite Beteiligung an der Dateneingabe, ohne die Datenqualität zu gefährden? Und wie kann eine technische Komponente, die für einen spezifischen Einsatz konzipiert wurde, auch in anderen Anwendungsszenarien eingesetzt werden und damit nachnutzbar sein?

Konkret wurde das anhand mehrerer Ingest-Beispiele gezeigt – vom TEI-basierten Editionskatalog von Patrick Sahle et al. bis hin zur technisch aufwendigeren Integration von Editionen der Monumenta Germaniae Historica (MGH). Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Frage der Nachnutzung: Über die reine Datenrecherche hinaus zeigte das Beispiel PhilFinder, wie andere Systeme die Registry-Suche einbinden können, während anhand des Projekts „Modern India in German Archives“ (MIDA) demonstriert wurde, dass sich auch das technische Metamodellierungs-Framework der Registry selbst in neuen fachlichen Kontexten durchaus nachnutzen lässt. Der Vortrag kam beim Publikum gut an und die anschließenden Fragen lieferten uns einige neue Impulse.

Spannende Beiträge und neue Tools

Der Besuch hat sich aber nicht nur wegen des eigenen Programmpunkts gelohnt, denn der DHC bot ein dichtes und vielseitiges Programm. Erwähnenswert ist etwa der Vortrag „Community Governance and Multilingualism in DH Infrastructure: Introducing the HSS Commons“ von Hong Liu (University of Toronto). Liu stellte die im Aufbau befindliche, community-gesteuerte Infrastruktur HSS Commons vor, die als Teil der kanadischen INKE-Partnerschaft offene Wissenschaft für Forschende, Studierende und die interessierte Öffentlichkeit unterstützen soll, und legte dabei ein besonderes Augenmerk auf Governance-Fragen und Mehrsprachigkeit – Themen, die auch für Text+ als community-getragene Infrastruktur unmittelbar anschlussfähig sind, denn nachhaltige Infrastrukturen entstehen nicht allein durch technische Komponenten. Sie benötigen Communities, Governance-Strukturen, Beteiligungsmöglichkeiten und gemeinsame Standards.

Ein zentrales Thema des diesjährigen DCH war – wenig überraschend – Künstliche Intelligenz und der Einsatz großer Sprachmodelle (LLMs) in den Digital Humanities. Bereits die Keynote „Literary Criticism after Large Language Models“ von James O’Sullivan (University College Cork) griff das Thema grundsätzlich auf. Der Redner ging der Frage nach, ob und in welchem Sinne LLMs überhaupt Literaturkritik betreiben können oder ob es sich dabei lediglich um eine sprachlich überzeugende Simulation kritischer Praxis handelt. Auch in mehreren Einzelbeiträgen wurde verhandelt, wie KI-gestützte Workflows sinnvoll aussehen können und an welchen Stellen ihr Einsatz tatsächlich einen Mehrwert bietet. Jamie McLaughlin (University of Sheffield) zeigte in „Marking Up Historical Texts Using Deep Learning“, wie sich klassische, arbeitsintensive TEI-Annotationsaufgaben durch Deep-Learning-Verfahren automatisieren oder zumindest teilautomatisieren lassen. Auf Grundlage seiner praktischen Erfahrungen gab er eine Einschätzung dazu, wann eher kleinere, lokal betriebene Encoder-Modelle wie BERT und wann generative LLMs die bessere Wahl sind. Martina Scholger und Sabrina Strutz (beide Universität Graz) stellten mit „LLM-Assisted Person Identification in Historical Correspondence“ einen mehrstufigen RAG-Workflow (Retrieval-Augmented Generation) vor, der Personen in der rund 3.500 Briefe umfassenden Korrespondenz Joseph von Hammer-Purgstalls schrittweise identifiziert und mit der Gemeinsamen Normdatei (GND) verknüpft – und dabei LLMs gezielt nur für die kontextuelle Disambiguierung einsetzt, um Halluzinationen zu vermeiden und die Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse zu wahren.

Besonders in Erinnerung geblieben ist ein Vortrag, der sich kritisch mit einem bekannten Problem generativer KI auseinandersetzte: der Tendenz, Anfragen möglichst gefällig zu beantworten, selbst wenn die zugrunde liegende Datenbasis dafür eigentlich gar nicht ausreicht. Larissa Terranova stellte hierzu mit Heritage Lens einen Prototyp vor, der genau dieses Problem zu umgehen versucht. Statt kontextlos flüssige Antworten zu generieren, verknüpft das System seine Antworten transparent mit Quellen und macht sichtbar, was es nicht weiß und warum. Anstatt die Struktur des zugrunde liegenden Korpus zu verschleiern, macht Heritage Lens sie sichtbar – Verzerrungen und Wissenslücken in den Quellen lassen sich so direkt an den Metadaten ablesen. Dieser Ansatz zeigt auf, dass der reflektierte Umgang mit Nichtwissen gerade im geisteswissenschaftlichen Kontext ein wichtiges Gegengewicht zu glatten, aber möglicherweise irreführenden oder falschen KI-Antworten sein kann.

Nützlich für die Praxis war zudem der Austausch über Alternativen zur Software Transkribus im Bereich Handwritten Text Recognition (HTR): Sowohl Loghi aus den Niederlanden als auch das Tool Leo wurden im Kontext von Vorträgen thematisiert und dürften für all jene interessant sein, die nach Alternativen für die Transkription historischer Dokumente suchen.

Ein Blick über den Tellerrand: DH-Infrastruktur in UK

Neben den fachlichen Inhalten war es spannend, die infrastrukturellen Entwicklungen im Bereich Digital Humanities im Vereinigten Königreich zu verfolgen. Der DHC wurde unter anderem von der UK-Ireland Digital Humanities Association gesponsort, die sich dem Aufbau von Infrastrukturen und der Vernetzung der DH-Community verschrieben hat. Hier ergeben sich naheliegende Anknüpfungspunkte zum Konsortium Text+ und der NFDI insgesamt, etwa mit Blick auf gemeinsame Fragen der Nachhaltigkeit, Standardisierung und community-getragenen Weiterentwicklung von Infrastrukturkomponenten. Denn trotz unterschiedlicher institutioneller und förderpolitischer Rahmenbedingungen stehen ähnliche Fragen im Raum: Wie lassen sich Communities dauerhaft organisieren? Wie werden Infrastrukturen nachhaltig finanziert und betrieben? Wie können Standards und technische Lösungen über einzelne Projekte hinaus Wirkung entfalten? Und wie können unterschiedliche Akteur*innen in die Gestaltung solcher Infrastrukturen einbezogen werden?

Fazit

Der DHC 2026 war damit in mehrfacher Hinsicht eine bereichernde Veranstaltung. Die positive und konstruktive Atmosphäre machte den Austausch über unterschiedliche Disziplinen, Methoden und technische Ansätze ausgesprochen angenehm. Der Aufenthalt in Sheffield war nicht nur eine Reise zu einem gelungenen Kongress, sondern vor allem eine Gelegenheit, die eigenen infrastrukturellen Ansätze im internationalen Austausch zu reflektieren und auch einige Ideen für die nächsten Entwicklungsschritte der Registry mitzunehmen.

Daniela Schulz
Daniela Schulz
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. https://orcid.org/0000-0003-3167-5089

Nur der Text ist unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung 4.0 International nutzbar. Alle anderen Elemente (Abbildungen, importierte Anhänge) sind „Alle Rechte vorbehalten“, sofern nicht anders angegeben.


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Daniela Schulz (28. September 2026). Ab auf die Insel. Ein Rückblick auf den Digital Humanities Congress 2026 in Sheffield. Text+ Blog. Abgerufen am 6. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16uh1


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